Montag, 6. Juni 2011

"Die Rückkehr der Knochenmänner"

Da staune ich nicht schlecht: Paul Hugger kommentiert in der "Neuen Züricher Zeitung" die Ausstellung über Katakombenheilige in der Moderne in Freiburg in der Schweiz: 
Vereinzelt sind sie in katholischen Kirchen noch anzutreffen, die reich verzierten Knochenmänner und -frauen des Barocks, die sogenannten Katakombenheiligen, Inbegriff einer expressiven Volksfrömmigkeit. Die Moderne hat das Verständnis für eine solche Schaustellung weitgehend verloren. Das Schicksal dieser Reliquien wird zum Paradigma einer völlig veränderten Einstellung zum Tod. Doch das letzte Wort scheint noch nicht gesprochen.
Es folgt eine spannende Schilderung, wie die heiligen Leiber nördlich der Alpen gelangten. Mutig finde ich am Schluss die Gegenüberstellung zur fast zeitgleichen "Körperwelten"-Ausstellung in Basel:
Die barocke Frömmigkeit hatte bei der Verehrung der Gebeine eines Heiligen nicht in erster Linie den Tod im Auge, sondern dessen Überwindung. Sie sah darin das Wurzelgeflecht eines Baumes, der in den Himmel ragte. Den Plastinationsanwärtern aber geht es um die Perpetuierung der eigenen Vergänglichkeit im Diesseitigen, letztlich Ausdruck einer unendlichen Daseinsverlorenheit. Für beide, Plastinate und Katakombenheilige, pilgern wir heute in die Museen, in diese Tempel und Andachtsräume ästhetischer Daseinsüberhöhung.
Bemerkenswert ist die gut beschriebene, noch aktuelle Verehrung des hl. Synesius an seinem jährlichen Fest (4. Oktober) in Bremgarten. Sowas gibt es nicht nur in der Schweiz.

Jeder Anfang ist nicht schwer ...

Heilige Leiber, also Ganzkörper-Reliquien aus der Barockzeit, faszinieren mich seit meiner Zeit in Waldsassen: 10 stehen oder liegen dort, gut sichtbar, schauen aus ihren tiefen Augenhöhlen, und wirken skuril und provozieren uns. Sie stammen aus römischen Katakomben und wollen an frühchristliche Martyrer erinnern. Welch eine harte Zeit für die Christen unter den römischen Kaisern!

Die Barockzeit hat diese Zeugen wieder gesucht, leiblich gesucht. Viele Leiber kamen damals über die Alpen und wurden geschmückt und verehrt, in Waldsassen bis heute mit einer jährlichen Heilig-Leiber-Andacht im August (s. Bild). Geschichten und Legenden ranken sich um einzelne. Und sie erinnern uns daran, dass nicht alles Gold ist, was glänzt und nicht alles bleibt, was stabil scheint. Und dass unsere Hoffnung über den Tod hinausgeht.

In unserer bayerischen Heimat gibt es in vielen Kirchen und Kapellen "Heilige Leiber". Hier möchte ich von Zeit zu Zeit einige von ihnen vorstellen, Hintergründe beleuchten. Oft sind es Kleinigkeiten, die aufhorchen lassen. Viel Freude beim Lesen!


Michael Fuchs

Weitere Orte mit Heiligen Leibern

- Regensburg, St. Emmeram (2): Außerdem befinden sich hier, in gläsernen Schreinen, die Gebeine der Katakombenheiligen St. Maximianus und St. Calcidonius. (WP)
- Benediktinerinnenkloster Geisenfeld Kloster- und Pfarrkirche (bei Pfaffenhofen a. d. Ilm): Heiliger Dionysius (WP)
- Landshut-Seligenthal: Heiliger Antoninus
- Artikel Schweiz: Handel mit heiligen Gebeinen
- Schlehdorf, Dominikanerinnenkloster: St. Tertullian: http://www.flickr.com/photos/87457051@N00/4762867819/in/photostream

- München, Alt St. Peter:
- St. Märgen
- Stift Melk
- Hochaltar Mondsee mit 4 hl. Leibern an einem Altar: bda.at/image/695199551.jpg